Was ist Pointfighting?

In meinem Beitrag über die Irish Open 2017 ging es um das Pointfighting, jedoch konnten viele meiner Leser mit dem Begriff nichts anfangen. Deshalb folgt in diesem Beitrag wieder eine kurze Definition.

Pointfighting war damals neben dem Tricking mein Eingang in die Szene des Kampfsports und letztendlich auch diejenige Sportart, die mir die Tür zur Kampfkunst eröffnete.

 

Vorwort

Wenn Laien zum ersten Mal einen Pointfighting-Kampf sehen, steht ihnen die Verwirrung zumeist ins Gesicht geschrieben; von Kampfsportlern anderer Disziplinen wird Pointfighting oftmals nur belächelt.

Das Regelwerk ist gar nicht so schwer zu verstehen und das negative Image, das Pointfighting unter Kampfsportlern (vor allem aus dem Vollkontakt-Bereich) hat, hat es meiner Meinung nach nicht verdient!

Ziel dieses Beitrags ist es, das Regelwerk zu veranschaulichen, die positiven Seiten dieser Sportart hervorzuheben und die Vorurteile zu beseitigen.

Regelwerk

Kampffläche

Pointfighting wird auf einer quadratischen Mattenffläche von 6×6 bis 8×8 Metern ausgetragen.

Kampfzeit

Die Kampfzeit variiert zwischen 1×2 und 2×2 Minuten. Bei Kindern sind 1×1,5 und 2×1,5 Minuten üblich.

Kampfrichter

Der Kampf wird von einem Hauptkampfrichter koordiniert, er gibt die Kommandos zum Kämpfen und Stoppen, vergibt die Punkte und sorgt dafür, dass die Regeln eingehalten werden und spricht gegebenenfalls Verwarnungen aus. Neben dem Hauptkampfrichter gibt es zwei Seitenkampfrichter, die ihn bei seinen Aufgaben unterstützen und gültige Treffer anzeigen, die sie gesehen haben.

Alle Kampfrichter bewegen sich im Kampf aktiv mit, um stets einen guten Überblick zu behalten.

Trefferflächen

Als Trefferfläche zählen oberhalb der Gürtellinie die Front und die Seite des Oberkörpers (Arme zählen zur Deckung), Schläge und Tritte zum Rücken sind demnach untersagt. Auch Angriffe zum Kopf sind möglich. Angriffe zum Hals sowie unterhalb der Gürtellinie sind verboten. Ausgenommen von dieser Regel ist der Fußfeger auf Knöchelhöhe, mit dem ein Gegner aus dem Gleichgewicht gebracht werden kann.

Schutzausrüstung

Zur Schutzausrüstung gehören Kopf- und Mundschutz, sowie der Tiefschutz, der auch bei Frauen zu empfehlen ist; Frauen müssen außerdem noch einen Brustschutz tragen. Für die Schienbeine sind auch Schützer vorgesehen.

Pointfighting Open Hands Schützer

Die Faustschützer unterscheiden sich von den klassischen Boxhandschuhen, da diese an der Handfläche offen sind und das Öffnen und Schließen der Fäuste ermöglichen (Man spricht von Open Hands). Die Fußschützer müssen den Fuß bis zum Knöchel umschließen, sodass die Ferse und die Zehen bedeckt sind. Lediglich die Fußsohle bleibt frei.

Mittlerweile ist sogar das Tragen von Ellbogenschonern auf immer mehr Turnieren Pflicht, was ich persönlich als durchaus sinnvoll betrachte, da es in meinem Umfeld schon viele Cuts im Zusammenhang mit Ellbogen gab.

Erlaubte Techniken und Punktevergabe

Im Pointfighting sind Faust- und Fußtechniken erlaubt, die mit den Schützern eine gültige Trefferfläche treffen. Dabei werden Punkte je nach Schwierigkeitsgrad vergeben:

So gibt es für alle Fausttechniken jeweils einen Punkt.

Fußtechniken zum Körper werden mit einem Punkt gewertet; zum Kopf gibt es zwei Punkte.

Für gesprungene Fußtechniken zum Körper gibt es zwei Punkte, für gesprungene Fußtechniken zum Kopf sogar drei Punkte.

Der oben bereits erwähnte Fußfeger wird mit einem Punkt gewertet, wenn der Angriff den Gegner außer Gleichgewicht und zu Boden bringt.

Damit ein Punkt gegeben werden kann, muss die Mehrheit der Kampfrichter diesen Punkt anzeigen. Gewertet werden nur sauber ausgeführte Techniken.

Es ist ebenfalls möglich, dass beide Kämpfer einen Punkt bekommen, wenn sie zeitgleich treffen.

 

Kampfablauf

Die Kämpfer werden vor den Kämpfen von den Seitenkampfrichtern auf das Tragen von Schmuck sowie der Vollständigkeit und Qualität der Schutzausrüstung kontrolliert und stehen sich anschließend gegenüber. Vor dem Startsignal des Hauptkampfrichters folgt die Verbeugung zum Gegner und dann das „Kämpft!“ – ab da läuft die jeweilige Kampfzeit, die nur vom Hauptkampfrichter gestoppt werden kann.

Beim Pointfighting gibt es ein Punkt-Stopp-System, was bedeutet, dass nach jedem Punkt gestoppt wird (nicht aber die Zeit!), die Kampfrichter ihre Wertung anzeigen und die Kämpfer sich wieder auf ihre jeweiligen Plätze begeben müssen. Ziel ist es also, schneller als der Gegner zu punkten und bei Kampfende die meisten Punkte zu besitzen, um zu gewinnen.

 

An dieser Stelle sei angemerkt, dass das Regelwerk nur kurz angeschnitten wurde und außerdem von Verband zu Verband Unterschiede aufweist – für weitere Information sollte auf den Webseiten der entsprechenden Verbände recherchiert werden.

Vorurteile

In der Kampfsportszene hat Pointfighting den Ruf, den Kampf zu entfremden. Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass unter der früheren Bezeichnung Semi-Kontakt lediglich Treffer mit leichten Kontakt geduldet wurden. Viele vergleichen Pointfighting daher mit dem Kinderspiel „Fangen“.

Auch hört man immer wieder den Vorwurf, Pointfighting sei kein richtiges Kickboxen mehr, da die wenigen Techniken, die man aus dem eher seitlichen Stand noch ausführen kann, unsauber ausgeführt werden, keine Wirkung haben (z.B. die Technik Bodybackfist) und einen selbst in eine ungünstige und risikobehaftete Position bringen, die in einem echten Kampf so niemals funktionieren würden.

Mein persönlicher Eindruck

Ich für meinen Teil liebe diesen Sport!

Pointfighting ist eine ganz eigene Sportart geworden. Die Entfremdung  von einem richtigen Kampf ist nun mal durch das Regelwerk bedingt, die Sportler haben ihre Techniken entsprechend angepasst und ich sehe darin kein Problem. Die Härte der Techniken ist ohnehin variabel, denn im Breitensport kann man sich auf leichten Kontakt einigen und auf Wettkämpfen ist härterer Kontakt schon gang und gäbe.

Fechten

 

Gerne vergleiche ich Pointfighting mit dem Fechten: Es kommt darauf an, durch die richtige Beinarbeit in eine gute Distanz zu kommen, um blitzartig im richtigen Moment angreifen oder einen Konter ausführen zu können. Aspekte wie Timing und Reaktion, sowie eine gute Planung der möglichen Aktionen und die Analyse der jeweiligen Situationen treten in den Vordergrund. Es gewinnt nicht der stärkste oder schnellste Kämpfer:

Im Pointfighting gewinnt der schlauere und mental stärkere der beiden Kontrahenten!

(Ich selbst bin leider nicht von der Sorte der schlauen Kämpfer, in meinem Fall übernimmt mein Coach das Denken und ich führe aus 🙄 )

Pointfighting macht Spaß und gibt mir die Möglichkeit, mich effektiv sportlich zu betätigen (Mach‘ mal eine Pointfighting-Trainingseinheit mit, das kann wirklich anstrengend werden!) und Aspekte des Kickboxens für mich zu nutzen, ohne erhöhtes Risiko meine Gegner und mich ernsthaft zu verletzen, was im Leicht- und Vollkontakt wohl eher vorkommt. Auch der Wettkampf hat für mich seinen Reiz, da ich so stets meinen aktuellen Leistungsstand vor Augen habe und nach jedem gewonnenen oder verlorenen Kampf etwas dazu lerne.

Auch aus der Sicht eines Trainers (Eltern empfinden sicher genauso) fühle ich mich wohler dabei, Kinder und Jugendliche im Pointfighting kämpfen zu lassen, da Leichtkontakt – so wie ich es bisher erlebt habe – schnell zu wild wird und es eben nicht mehr zum leichten Kontakt kommt.

Fazit

In meinen Augen ist Pointfighting eine sehr schöne und dynamische Sportart und hat seine Existenzberechtigung.

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass das Pointfighting seinen verdienten Platz in der Kampfsportszene findet. In dem Sinne hat es auch etwas mit Respekt zu tun, andere ihre Sportart ausüben zu lassen, ohne diese schlecht zu reden. Sei offen und probiere es doch mal selbst aus!

Ich selbst habe auch schon ein wenig beim Leichtkontakt vorbei geschaut. Kürzlich habe ich sogar Thaiboxen ausprobiert – ganz andere Welten und dennoch hatte ich meinen Spaß dabei, ganz frei von Vorurteilen.

Ich hoffe, Du konntest dem Beitrag einige Informationen entnehmen. Wenn Du zu dem Thema etwas zu sagen hast, melde Dich doch bitte in den Kommentaren zu Wort. Vielleicht betreibst Du ja selbst oder ein Angehöriger von Dir Pointfighting oder vielleicht willst Du es mal selbst ausprobieren?

In diesem Sinne: Danke fürs Lesen.

 

Dein Kampfzwergasiate

 

PS.: Mein Lieblings-Martial-Arts-Comedian hat zum Pointfighting auch schon sein Statement abgegeben:

 

Man muss auch mal selbst über sich lachen können und nicht immer alles zu ernst nehmen! 🙂

Was denkst Du darüber?